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  Erlebnisbericht einer Gästebobfahrt in St. Moritz von Peter Höltschi und Dölf Preisig (veröfftl. in "100 Jahre Bobsport") 

Nein-nein, es ist gar nicht gefährlich, sagen Dir alle, bevor du zum ersten Mal eingestiegen bist. Und dann stülpst du dir den Helm über den Kopf, läßt das Visier runter und hockst dich auf diesen Schlitten aus Eisen und Blech und zweifelst ziemlich heftig an deiner Vernunft.  
Spätestens anderthalb Minuten später weißt du: Es ist gefährlich, mit einem mehr als 600 Kilo schweren Schlitten durch einen rund 1600 Meter langen Eiskanal zu rasen. Und die Konsequenz aus dieser Erkenntnis:  Du willst es gleich nocheinmal tun.  
Irgendetwas in den Köpfen von erwachsenen Männern (und neuerdings auch wieder Frauen) muß schief sein, daß sie Spaß daran haben, durch diese Eisrinne zwischen St. Moritz und Celerina zu donnern, auf einem Gefährt, das mit einer Kanonenkugel vergleichbar ist, aber durch 15 enge und steile Kurven gesteuert werden muß und dabei eine Geschwindigkeit bis zu 140 km/h erreicht. 
Nein-nein, es ist nicht gefährlich, und du hast auch keine Angst, wenn du das erste Mal auf den Sunny-Corner zufährst - du hast ganz einfach Panik.  
Vor dir ist diese Eismauer, vier Meter hoch, und du denkst, auch wenn ein erfahrener Pilot vor dir an den Steuerseilen sitzt, daß du gleich zerschmettert wirst. Und du krallst dich an deine Haltebügel wie an ein untergehendes Schiff. Du bist jetzt rund 30 Sekunden unterwegs, den Anlauf hinunter, wo dieses Geräusch angefangen hat, dieses Holpern und Scheppern und bedrohliche Donnern der Kufen, und der Schlitten hat immer mehr Fahrt gemacht, du bist durch die ersten noch harmlosen Kurven getaumelt wie ein Mehlsack - und jetzt diese Sunny-Corner Eiswand vor dir. 
Du wirst ganz leer innendrin, etwas in dir fühlt sich schwarz, dumpf, abwesend. Nur deine Augen sind offen, sehen die Wand näherkommen. Die drei Sekunden, die du noch vor dir hast, sind ein Jahrhundert... und du hockst einfach da, zusammengekauert, auf ein Ende wartend, und siehst nur den Helm deines Vordermannes, der hin und herbaumelt, und diese Eiswand, die in Zeitlupe auf dich zuschießt, und es falle dir keine Gebete ein und auch kein Gelübde, die dich noch retten könnten...  
Jetzt haut es die Welt auf den Kopf, mit einem Schlag. Die Bäume entlang der Bahn hängen waagerecht in der Luft, unter dir liegt eine zusammengestauchte Holzhütte, dein Augenfilm schaltet um auf Zeitraffer, aber du erkennst gar nichts mehr, Film gerissen.  
Zack, ein Knüppelhieb von rechts, da bist du wieder, der Schlitten schlägt mit voller Wucht gegen eine Eismauer links, aber du lebst immer noch. Du realisierst, daß du den Sunny überlebt hast und jetzt gleich der Nash-Dixon kommt, diese links-rechts Doppelkurve, die so harmlos aussieht und in der einer der letzten tödlichen Unfälle auf dieser Bahn passiert ist. 

Wie eine Schaufensterpuppe schlägt es dich durch die Kombination, die nach zwei englischen Bob-Champions benannt ist - und daß die die Engländer spinnen, wenn es um Wintersport geht, weißt du ja. Sonst hätten sie ihn gar nicht erfunden.  
Und jetzt der Horseshoe, das Hufeisen. Eine 5 Meter hohe Steilwandkurve, an der Kuppe überhängend, auf daß keiner darüber hinausschießen werde. 180 Grad Richtungsänderung bei einem Kurvenradius von 15 Metern. Die Kantonsstraße entlang der Bobbahn macht an dieser Stelle eine Spitzkehre, die man auch im Range Rover im ersten Gang fahren muß. So eng ist es hier, so steil, so unvorstellbar unüberwindlich. Und du sitzt auf einem Schlitten und donnerst mit gut 100 Stundenkilometern auf diese Wand zu - wie dieses Geschoß auf Kufen überhaupt durch diesen Kessel finden soll, ist dir schleierhaft, könnte dir vielleicht ein Physiker erklären. Oder erst recht nicht.  
Im Hufeisen klebt der Bob mit vier "G" an der Eiswand - Tempo und Fliehkraft bewirken, daß der Schlitten viermal sein sein Eigengewicht hat, er ist hier, mit Mannschaft, 2,5 Tonnen schwer. Aber dein Kopf ist auch viermal schwerer, und der Helm ebenfalls, und du würdest die die Welt hier wieder schief sehen, die Zuschauer unten in der Kurve liegend, die Autos an einer Straße klebend - nur hat dein Kopf vier "G" drauf. Also siehst du gar nichts.  
Nach dem Hufeisen, in der nächsten Gegenkurve, Telefon genannt, findest du deinen Kopf wieder: Er hängt weit links aus dem Schlitten, touchiert beinahe die Eisfläche. Du wunderst dich, daß du immer noch am Leben bist und ziehst den Kopf eilig zurück. Was jetzt kommt, realisierst du als Boblehrling kaum noch. Du hast zwar die Bahn studiert, bist mehrmals an all den Kurven entlanggelaufen, weißt, daß sie Shamrock und Devils Dyke und Bridge und Tree und Sachs und Martineau heißen - aber das nützt dir jetzt alles nichts.  
Dein Auge sieht, dein Gehirn funktioniert, aber im Prinzip bist du ein blinder Passagier: Die Eiswände sausen an dir vorbei, ohne daß du weißt, wo oben und unten, links oder rechts ist. Du hockst einfach da, klammerst dich an den Schlitten, siehst überlebensgroß den Helm deines Vordermannes und denkst nur noch, daß es aufhören soll.  
Doch wenn man unten angekommen ist, heil und immer noch lebend und keuchend wie ein Langstreckenläufer, dann beginnt das Hochgefühl, der Stolz, der Triumph, es geschafft zu haben - auch wenn man zurück fährt zum Start, oben auf der Ladebrücke des Lastwagens, den Helm unterm Arm, die Hand auf dem Bob und den Wind in den verschwitzten Haaren, kommt man sich vor wie einer, der soeben die ganze Welt bezwungen hat (und abends erzählt man es auch entsprechend).  
Wenn man dann schon ein paar Fahrten hinter sich hat und langsam lernt, den Kopf unterwegs unter Kontrolle und die Augen offen zu halten, beginnt man sich zu wundern: Wie ist es überhaupt möglich, ein solches Geschoß zu steuern.  
Gut, die alten Profis sagen, ein guter Bob komme auch alleine ins Ziel, man brauche ihn gar nicht zu steuern. Okay, gekauft - aber dann braucht er eine Minute und dreißig Sekunden. Und wie bringt man jetzt die Zeit in diesem eisigen Karussell auf unter 1.10.00 ? Und wo und wie und warum kann man Hundertstel gewinnen?  
Ich bin mehrfach eingeladen worden, selber einmal an den Steuerseilen eines Bobs zu sitzen und mich als Pilot zu versuchen ich habe es nie gewagt. Einfach weil meine Phantasie mir sagte: Das ist, wie wenn du Autofahren lernst und erst bei Tempo 80 zum ersten Mal das Steuerrad bedienen darfst (und die Bremsen ausgefallen sind)...